Mit der NDR Radiophilharmonie nach Paris und London

– von Carsten Peter Schulze

Eigentlich war es nicht ganz ernst gemeint, als ich meiner Lebensgefährtin (die ebenfalls dem Freundeskreis angehört) beim abendlichen Blättern im damals noch neuen Programmheft der NDR Radiophilharmonie vorschlug, wir könnten uns auch das Konzert am Sonnabend, den 16. September 2017 in Paris anhören. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie darauf eingehen würde. Aber als sie gleich im Internet recherchierte, was es an Flugverbindungen und zentral gelegenen Unterkünften gab, wurde aus einer launischen Bemerkung schnell ein konkreter Plan. Ein im Internet angebotenes Apartment ganz in der Nähe des Louvre machte einen interessanten Eindruck. Alles passte für ein Wochenende in Paris.

Das Haus, in dem sich das von uns gebuchte Apartment befinden sollte, hatten wir nach der Ankunft in der Metro-Station „Les Halles“ schnell gefunden. Allerdings regte sich trotz der vorherigen Absprache per E-Mail, dass wir um 11 Uhr unser Gepäck zunächst im dortigen „Büro“ lassen könnten, nichts, als wir an der Haustür klingelten. Auch längeres Warten vor dem Haus nützte nichts. Etwas frustriert fuhren wir mit der Metro zu jenem Hotel, in dem das mit dem Zug eingetroffene Orchester, das zuvor in Pisa (Italien) und Belfort (Ostfrankreich) gespielt hatte, gerade angekommen war. Was unsere eigene Unterkunft betraf, hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl. Zum Glück stellte sich später heraus, dass das Apartment tatsächlich existiere, dass es nicht zeitgleich an andere Gäste vermietet war und dass auch ansonsten alles Weitere reibungslos ablief.

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Ankunft der Musiker in Paris

Nachmittags fuhr meine Lebensgefährtin wieder Richtung Louvre zurück, da sich die angegebene Check-In-Zeit näherte. Sie konnte deshalb entgegen unserer ursprünglichen Planung nicht mit zur Probe des Orchesters kommen. Ich dagegen hatte das Glück, mit dem Orchesterbus zum Théâtre des Champs-Élysées mitfahren zu dürfen.

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die Frackkisten des NDR stehen immer hinter der Bühne für die Musiker bereit

Im Schneckentempo ging es mit dem Bus an Notre Dame vorbei über den Place de la Concorde auf die Champs-Élysées. Mit deutlicher Verspätung hielt der Bus vor dem Théâtre. Am Künstlereingang parkte ein Lkw des NDR, der die Kisten mit den größeren Instrumenten und der Konzertbekleidung gebracht hatte; alles war bereits ausgeladen und vorbereitet.

Während sich die Musiker mit dem Konzertsaal vertraut machten und sich mit ihrem jeweiligen Instrument einspielten, packte ich meine eigenen „Instrumente“ aus, um mit der von Amrei Flechsig erbetenen Fotodokumentation fortzufahren. Frau Flechsig, die als Online-Redakteurin für den Radiophilharmonie-Teil der NDR-Homepage zuständig ist, wusste, dass ich leidenschaftlicher (Hobby-)Fotograf mit einer auch für schwierige Lichtverhältnisse geeigneten umfangreichen Fotoausrüstung bin. Ich hatte für die NDR-Website schon beim NDR Musikfest und bei der Hannover-Proms-Generalprobe im Kuppelsaal fotografiert. Nachdem Frau Flechsig von unseren Paris-Plänen erfahren hatte, fragte sie bei mir an, ob ich in Paris Fotos für die Homepage machen könnte. Dem Wunsch kam ich natürlich sehr gerne nach. Schließlich sind wir Freunde und Förderer der Radiophilharmonie, außerdem macht es mir Spaß, das Erlebte in Bildern festzuhalten. Maya Stockmann, Kommunikations- und Marketing-Managerin, sorgte dafür, dass ich vom Théâtre des Champs-Élysées für den Konzertabend eine Akkreditierung als Fotograf erhielt, also auch beim eigentlichen Konzert die Fotokameras mitführen und (unter Beachtung bestimmter Regeln, insbesondere die Beschränkung auf sogenannte Applaus-Fotos) nutzen durfte.

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Während der Anspielprobe vor dem Konzert

Bereits während des Anfangs der Probe habe ich auftragsgemäß Aufnahmen vom Orchester gemacht. Der Chefdirigent Andrew Manze saß zunächst eine Weile im Zuhörerbereich des 2.000 Plätze umfassenden Großen Saals unter der auffälligen Kuppel, um die Akustik und Atmosphäre einzufangen. Anschließend probte er mit dem Orchester einzelne Passagen der Stücke.

Wie interessant es ist, bei einer Orchesterprobe zuzuhören, brauche ich an dieser Stelle nicht weiter auszuführen. Zahlreiche Mitglieder des Freundeskreises haben so eine Probe in Hannover bereits selbst miterlebt. Und für alle anderen kann ich auf den anschaulichen Bericht von Dieter Hadamitzky vom 24. Oktober 2017 („NDR Radiophilharmonie hautnah I Lauschangriff“) verweisen.

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Gegenseitiger Beifall – zwischen Andrew Manze und den Orchestermusikern herrscht großes Vertrauen und beiderseitige Begeisterung

Das Konzert am Abend war grandios. Es ist von Stefan Arndt, Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, in der Ausgabe der HAZ vom 19. September 2017 fachkundig beschrieben.

Dass Herr Arndt zum Konzert nach Paris gekommen war, hatte ich während der Probe von Matthias Ilkenhans, dem Orchestermanager, erfahren. Herr Ilkenhans hatte mich dabei gebeten, auch der HAZ Fotos zur Verfügung zu stellen, was ich gerne gemacht habe. Ich habe allerdings Zweifel, dass dies ausreicht, um in meinem Lebenslauf ab jetzt anführen zu können, ich sei auch als „Pressefotograf“ tätig.

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Ein auswärtiges Konzert, insbesondere in einer Weltstadt wie Paris, ist – sicherlich selbst für dieses Orchester – etwas Besonderes. Mir und meiner Lebensgefährtin hat das Konzert der NDR Radiophilharmonie in Paris mit der besonderen Atmosphäre des beeindruckenden Konzertsaals so gut gefallen, dass wir uns anschließend entschlossen, auch das Konzert der Radiophilharmonie in der Cadogan Hall in London am Freitag, den 24. November mitzuerleben.

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blauer Novermberhimmel in London

Die Kombination von London und November klang wetterbezogen zwar ungünstig, aber es war ja kein Open Air-Konzert. Wir nahmen uns einen Tag Urlaub und buchten für die Zeit von Freitag bis Sonntag ein nahe der Themse gelegenes Apartment (in fußläufiger Entfernung zu „Big Ben“ und zum auf der anderen Seite des Flusses stehenden Riesenrad „Eye of London“).

Was von uns als einfacher Konzertbesuch als Freunde des Orchesters mit, wenn möglich, einer Teilnahme an der vorherigen Probe geplant war, entwickelte sich wieder (auch) zum Fototermin. Denn nachdem wir beim „Meet & Greet“ am 17. Oktober von unserem Vorhaben erzählten, fragte Frau Stockmann mich kurze Zeit später, ob ich bei dem Konzert in London Fotos für ihre Pressearbeit und für den Online-Auftritt der Radiophilharmonie machen könne. Dem bin ich gerne nachgekommen. Diesmal mit Unterstützung durch meine ebenfalls fotografierende Lebensgefährtin. Unsere neueste Kamera, die es erst seit ungefähr einem viertel Jahr auf dem Markt gibt, hat sich dabei als für die Konzertfotografie ideal herausgestellt, da man mit ihr, obwohl eine Spiegelreflexkamera, aus dem Life View-Modus heraus völlig lautlos (ohne Spiegelschlag) fotografieren kann, und zwar ohne dass es dabei bezogen auf das Grafikformat oder die Auflösung irgendwelche Einschränkungen gibt. Zugleich hat die neue Kamera mit ihrem 46 Megapixel Vollformat-Sensor nicht nur eine sehr hohe Auflösung, sondern sie ist bei schwierigen Lichtverhältnissen, bei denen hohe ISO-Werte benötigt werden, fast so gut wie meine Hauptkamera.

Das lautlose Fotografieren war diesmal wichtig, weil – anders als in Paris – das Management der Cadogan Hall den akkreditierten Fotografen nicht nur die Aufnahme von „Applaus-Fotos“ gestattet, sondern sogar Aufnahmen während der eigentlichen Aufführung innerhalb eines 10minütigen Zeitfensters. In der Cadogan Hall sind das üblicherweise die ersten 10 Minuten, also ganz am Anfang des Konzerts (vermutlich wollen Pressefotografen oft nach dem ersten Stück schnell wieder weg). Mir wurden dagegen statt dessen die letzten 10 Minuten vor der Pause genannt. Allerdings mussten meine Lebensgefährtin und ich als Bedingung für das Fotografieren die von uns zuvor reservierten Plätze in der ersten Reihe der Gallery gegen zugewiesene Plätze ganz hinten auf der Parkett-Ebene tauschen. Aber auch dort war die Akustik sehr gut und der Blick war passabel.

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Igor Levit spielt sich auf der Bühne der Cadogan Hall ein – von einer solchen „Übe-Atmosphäre“ träumt wohl jeder Musiker…

Wie schon das Konzert in Paris, war auch das Konzert in London den mit der Reise verbundenen Aufwand wert. Für den eigentlich vorgesehenen, aber aus persönlichen Gründen verhinderten Pianisten Lars Vogt sprang Igor Levit ein. Herr Manze teilte dem Publikum auf seine gewohnt humorvolle Art mit, dass die Frau von Lars Vogt schwanger und der Geburtstermin schon lange überfällig sei. Das Baby habe offenbar nicht das präzise Zeitgefühl seines Vaters geerbt; es werde sicherlich später kein Pianist, sondern ein Sänger. Das Publikum verstand, wie das leise, aber deutliche Lachen zeigte, den kleinen Seitenhieb auf die Garde der singenden Künstler.

Freunde NDR RPHDas Zusammenspiel von Igor Levit und dem Orchester kann ich nur als atemberaubend bezeichnen. Und das ist fast wörtlich gemeint. Denn während des Klavierkonzerts fiel mir irgendwann auf, über welch ungewöhnlich lange Zeit das Publikum völlig still war. Kein Huster, kein Räuspern, kein Rascheln. Es war im Zuhörerbereich so ruhig, als gäbe es gar kein Publikum, obwohl der mehr als 900 Plätze umfassende Saal recht gut gefüllt war. Alle anderen waren offenbar von der Musik und der brillanten Spielweise des Orchesters und des Solisten genauso gefesselt wie ich. Der englische Begriff „pin-drop silence“ beschreibt die Atmosphäre sehr gut.

Im Internet habe ich nach Reaktionen auf das Konzert gesucht und auf der Website von bachtrack (nach eigenen Angaben das größte Veranstaltungsinformationsportal für Klassik online) eine englischsprachige Rezension gefunden. Sie endet mit den Worten „[…] from an orchestra and conductor whom one would hope to see very shortly“. Ich denke, jene Formulierung ist nicht nur auf die englische Höflichkeit zurückzuführen, sondern ernst gemeint.
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Wenn im kommenden Sommer das neue Programmheft für die Konzertsaison 2018/2019 erscheint, werden meine Lebensgefährtin und ich wohl nicht nur auf die Seiten mit den Konzerten in Hannover, sondern auch auf die Seiten „Tourneen & Gastspiele“ schauen. Dann vielleicht Rom, Madrid, Wien oder Stockholm?

Übrigens: Das Wetter in London war an jenem November-Wochenende sehr schön!